Shoot The Messenger!


In der Antike musste der Überbringer schlechter Nachrichten um sein Leben bangen. Heute sind soziale Netzwerke eine Hauptnachrichtenquelle. Wir selbst verrichten darin fleißig Botendienste. Und wieder haben es die Überbringer schlechter Nachrichten schwer, denn es herrscht das Primat des Positiven. Dem, der sich der 'Vermassung des Positiven' (Byung-Chul Han) entgegensetzt, der dem Negativen die Tür öffnet und Komplexität zulässt, droht im Netz der soziale Tod.
Tigranes der Große soll durch allzu radikalen Umgang mit den Boten schlechter Kunde, zunächst den Zugang zur Information und in Folge dessen den Großteil seines Reiches eingebüßt haben. Was aber wird der Preis für die erbarmungslose Positivität der digitalen ‘mediasphere’ sein?
Die Auswahl “Shoot the messenger” setzt sich mit der Ökonomie der Botschaft und dem Wandel ihrer Kanäle auseinander.

Die andere Wange (2017) / USB-Series (2010/2011) / Cell Phone Voyages (2007) / Stock Exchange of Visions (2006/2007) / Fried Tapes (2007)
HYPERPUBLIC


Unsere Privatsphäre erodiert. Gelähmt von terroristischen Attacken nehmen wir die Ausstattung unserer Städte und öffentlicher Verkehrsmittel mit Überwachungstechnologie teilnahmslos hin. Debatten über deren gesellschaftlichen Folgen finden kaum statt. Mit wem wir wie gut bekannt sind, wofür wir uns persönlich interessieren und wann wir wo was einkaufen, legen wir den großen Datensammlern – verführt von kostenlosen Dienstleistungen und kleinsten Vergünstigungen – offen dar. Bedenken, dass all die Erkenntnisse und der weitreichende Überwachungsapparat selbst in die Hände eines totalitäre Regimes fallen könnten oder Regierungen zur übermäßigen Kontrolle ihrer Bürger verleiten könnten, kommen kaum auf. Es jubiliert der geschichtsvergessene Satz: “Was soll's. Ich habe mir ja nichts zu Schulden kommen lassen.”

Die schüchterne Kamera (2007/2013) / Selfie-TV (2017) / Public Trash (2010 ff.) Friendly Fire, Olympia (2015) / Baksheeshboy (2009).
Location based Identities


Die digitale Information über unseren Aufenthaltsort nagt an unserem Orientierungssinn, Händler versuchen aus ihr Profite zu schlagen und Geheimdienste Staatsgefährder darüber aufzuspühren. Noch weiß niemand so genau wo wir sind und überall waren und wer wir insofern sein könnten, als wir selbst. Orte bestimmen – neben Familie, Beruf und persönlichen Erfahrungen – unser Selbstbild. Das gilt besonders für unseren Herkunftsort, aber auch für die Orte an denen wir uns später freiwillig oder gezwungener Maßen aufhalten. Und auch bei der Außendarstellung unseres Selbst gibt es kein effektiveres Mittel, als den Beleg an bestimmten Orten gewesen zu sein, zu arbeiten oder zu wohnen. Die Auswahl “Location based Identities” fasst Arbeiten zusammen, die Orte, deren Eingrenzung und ihre identitätsstiftende Wirkung behandeln.

Opening Installation (2007) / Genie des Eaux (2008) / Chase 75 (2008) / Void Machine (2014) / 2kg/m2 (2017)
Shopping is for poor people.


Der Geldbeutel ist für die meisten Bewohner der Industrienationen westlicher Prägung heute das kulturelle Ausdrucksmittel Nummer Eins. Nicht durch Tanz, Musik oder Poesie drücken wir unsere Gruppenzugehörigkeit, unsere politischen Standpunkte und momentanen Befindlichkeiten aus, sondern durch modische Kleidung, kulinarische Vorlieben und Reisen in angesagte Städte oder besonders abgelegene Weltgegenden. All das kostet Geld, aber auch Zeit, denn das Gespühr für aufkommende Trends und angesagte Orte will ähnlich trainiert sein, wie das Spiel eines Musikinstruments oder fantasievolles Erzählen. Durch die Zunahme der Warenvielfalt und der Informationen die uns bei jedem Kauf zugänglich sind, werden unsere Entscheidungen komplexer und zeitintensiver, aber nur selten wirklich besser. Wahrer Reichtum besteht heute insofern auch darin überhaupt keine Kaufentscheidungen fällen zu müssen. Die Werke in Shopping is for poor people handeln auf unterschiedliche Weise vom Konsum.

Market Day I (2007) / Censored Bags (2010) / Dumping (2003) / Doorplates (2010) / Verkaufsregal (2002)
Rare Window


Wortlos wiederholte Handlungen kennzeichnen das filmische Schaffen von Gregor Kuschmirz. Die Sektion Rare Window stellt Videoarbeiten aus den Jahren 2003 bis 2017 in einen ästhetischen Zusammenhang.

Flysch (2003) / Dorsoduro (2005) / Coincindence (2005) / Chase 75 (2008) / But First (2014) / In Waves (2017)
GREGOR KUSCHMIRZ
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